"Negativ-feindliche Äußerungen" an einer DDR-Fachschule
Im (04) IM-Bericht 29.03.1980 taucht erstmals der denunzierende Hinweis von IM "Angela" auf, dass bei einer schriftlichen Prüfungsarbeit "einige Studenten anonyme Antwortzettel abgaben, auf denen sie negativ-feindliche Äußerungen über die DDR und die Volkswirtschaft aufgeschrieben" haben. Diese Darstellung taucht danach auch in anderen IM-Berichten auf bzw. wurde weiter kolportiert.
Hintergrund waren folgende Ereignisse: Im Herbst 1978 fiel mal wieder die marode Heizung in der damaligen Fachschule Meissen-Siebeneichen aus. Eine Reparatur war offenbar nicht mehr möglich. Nur ein Heizungsneubau konnte die Situation verbessern. Doch dafür gab es damals kurzfristig kein Geld und ohne langfristige Planung auch kein Material, das sowieso im ganzen Land stets äußerst knapp war. Die ökonomische Krise der DDR war damit für alle Studenten und Mitarbeiter spürbar und sichtbar. Die Fachschulleitung schickte wegen der defekten Heizung alle Studenten des 2. und 3. Studienjahres für mehrere Monate zum Selbststudium nach Hause. Alle vier oder sechs Wochen wurden wir für je eine fünftägige Konsultationswoche irgendwo in oder bei Meissen untergebracht. An diesen Tagen gab es einerseits einige Stunden Frontalunterricht, andererseits wollten die Dozenten in schriftlichen Prüfungen unser selbst erworbenes Wissen erkunden.
In einer solchen Konsultationswoche im Dezember 1978 kündigte ein SED-Hardliner-Dozent kurzfristig für den nächsten Tag eine Zwischenprüfung im ungeliebten Fach "Politische Ökonomie des Sozialismus" an. Um unseren Frust und unseren Unmut über die ganze Ausbildungssituation auszudrücken, kam abends im Quartier von einem Mitstudenten? oder einer Mitstudentin? unserer Seminargruppe der Vorschlag, dass jeder Student unserer Seminargruppe seinen Prüfungszettel anonym, also ohne Namensangabe, abgibt. Diese Idee fand allgemeine Zustimmung und wurde am nächsten Tag von fast allen Studenten verwirklicht (Ausnahmen: die SED-Mitglieder!). Der Dozent verteilte am Beginn der Prüfungsstunde an jeden Studenten einen Zettel mit drei Fragen (1.,2.,3.) und forderte uns auf, drei schriftliche Antworten auf einem gesonderten Blatt zu formulieren. Mich ritt in dieser spannungsgeladenen Atmosphäre der Teufel. Ich spitzte die gemeinsame Aktion unserer Seminargruppen zu durch eine eigene, ganz spontane Einzelaktion: Erst beantwortete ich wie gefordert die drei offiziellen Prüfungsfragen des Dozenten unter 1., 2. und 3. nach bestem Wissen. Anschließend formulierte ich aber unter 4., 5. und 6. drei Antworten, für die es gar keine Fragestellungen gab. Meine drei spontanen Zusatzantworten lauteten:
4. Kultur ist, wenn man trotzdem lacht.
5. Die Ablösung des Kapitalismus durch den Sozialismus ist gesetzmäßig.
6. Ohne Kohlen fährt keine Dampflok.
Was diese drei Sätze (mit ironischer Tendenz) danach auslösten, kann jeder Leser in den Stasi-Berichten nachlesen. Jene drei Sätze wurden offenbar als politische Provokation und als "feindlich-negative Äußerungen" bewertet. Wesentlich dabei ist, dass alle Stasi-IMs, die diese Bewertung weitergaben, meine Aktion mit den drei zusätzlichen Sätzen gar nicht kannten, sondern ihre Aussagen nur auf der Basis von "Gerüchten" machten. Auch die Stasi hat diese völlig überzogene Bewertung nicht hinterfragt. Die in der Stasi-Akte dokumentierten Reaktionen des DDR-Kulturministeriums und der Meissener Fachschule (Androhung von Exmatrikulation), des Frankfurter Praktikumbetriebes "BfK" (Behinderung der Einstellung) und der Stasi (Einflussnahme auf Bewerbungen) auf meine angeblich "feindlich-negativen Äußerungen" sind beispielhaft für das von Mißtrauen, Paranoia und permanentem Selbstbetrug geprägte Klima in der 1989/90 zusammengebrochenen SED-DDR-Diktatur.
In der Navigationsleiste links kann jeder Besucher jeweils eine Seite mit Text-Auszügen aufrufen. Die durchnummerierten Seiten sind zeitlich geordnet entsprechend dem Datum der Stasi-Aktenseite. Auf das Veröffentlichen der Klar-Namen jener Personen, die als IMs (Informelle Mitarbeiter der Stasi) mein Vertrauen gestohlen und die mit ihrer IM-Tätigkeit meine Biografie beeinflußten, habe ich bis zum 16.11.2011 verzichtet. Das SED-DDR-System von Bevormundung, Einschüchterung und staatlicher Willkür haben sie mit ihrer IM-Tätigkeit zwar aktiv gestützt, in letzter tragischer Konsequenz aber vor allem sich selbst beschädigt. "Das Vergessenwollen verlängert das Exil" (Ernst Benda).
ROLAND TOTZAUER / 2009
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Klarnamen einiger IMs (hier veröffentlicht seit dem 17.11.2011):
| IM "Richard" | = | Helmut Schmolke |
| IM „Gisela“ | = | Leonore Predel |
| IM „Frank Hein“ | = | Peter Schneider |
| IM "Marina" | = | Monika Wilzek |
| IM "Opitz" | = | Heinz Thomas |
| IM "Ingo Schöhn" | = | Günter Schneider |
| IM "Schumann" | = | Dieter Gerlach |
| IM "Springer" | = | Jürgen Sobeck |
| IM "Henry Fröde" | = | Peter Renner |
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Ich bitte jene Leser, denen Klarnamen weiterer IMs aus meiner Stasi-Akte (z.B. "Angela", "Hermann", "Walter") bekannt sind, um eine » Information per E-Mail.
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