Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Martin Patzelt,
in der Märkischen Oderzeitung vom 16. Januar 2010 las ich Ihr Interview. Ich reagiere darauf als parteiloser Frankfurter mit einem Thema, das durchaus brisant ist. Es geht um die Erhaltung der Frankfurter Kaufkraft in Frankfurt.
Im Januar 2006 gab es in Frankfurt eine demokratische Bürgerbefragung, bei der 83 Prozent der abgegebenen Stimmen gegen eine Straßenbahn nach Slubice votierten. An der Ausgangsbasis für diese Befragung hat sich bisher noch nichts geändert. Aber nicht nur eine Stimmenmehrheit spricht gegen dieses Straßenbahn-Projekt, sondern auch die aktuelle Kaufkraft-Situation:
Frankfurt (Oder) verliert bereits heute jeden Tag Umsätze in Handel und Dienstleistung, die in Slubice erzielt werden. Dies wiederum hat zur Folge, daß Frankfurt (Oder) weniger Steuern als möglich aus den Bereichen Handel, Dienstleistungen etc. einnimmt. In Slubice entstehen heute "blühende Landschaften". Frankfurt leidet seit langem unter dem permanenten Geldabfluß (Kaufkraftabfluß) in Richtung Slubice. Ihr geplantes Straßenbahn-Projekt würde diesen Abfluß noch vergrößern!
Mein Fazit lautet daher:
Ich lehne einen politisch gewollten ÖPNV nach Slubice ab. Selbst bei einem Gleichstand der Lebensverhältnisse wird es leider einen Kaufkraftabfluß in Richtung Slubice geben aufgrund der unterschiedlichen Bevölkerungszahlen. Erst wenn Frankfurt und Slubice annähernd gleich viele Einwohner haben, wäre ein ÖPNV akzeptabel.
Ich hoffe, daß Frankfurts Politiker sich der wirtschaftlichen Folgen eines politischen Beschlusses zur ÖPNV-Erweiterung nach Slubice bewußt sind. Dabei geht es nicht um die Straßenbahn-Betriebskosten, sondern um die ökonomische Auswirkung, die heute und morgen eine ÖPNV-Verbindung auf die Gesamtsituation in Frankfurt und Slubice haben würde.
Angesichts des aktuellen Bevölkerungsverhältnisses von 60.000 Frankfurtern zu 20.000 Slubicern und eines durchschnittlichen Einkommensverhältnisses zwischen Deutschland und Polen von zirka 2 zu 1 und der aktuellen Preisunterschiede zwischen Deutschland und Polen kann sich jeder ausrechnen, wohin und in welchem Verhältnis die Kaufkräfte fließen.
In Ihrem MOZ-Interview vom 16.01.10 sagen Sie, daß "nur 3.000 Nutzer für den öffentlichen Nahverkehr in Slubice zu gewinnen sind, um unsere Stadtverkehrsgesellschaft zu stabilisieren." Meiner Meinung ist Ihr Wunsch nach einer solchen ÖPNV-Verbindung fatal. Die Stadtverkehrsgesellschaft muß durch andere Maßnahmen stabilisiert werden. Notfalls durch eine Schrumpfung, denn auch die Bevölkerungszahl der Stadt Frankfurt schrumpft zur Zeit permanent. Es geht darum, Frankfurt und seine Kaufkraft zu stabilisieren.
Ich mache folgende statistische Rechnung auf:
Auf der Grundlage des aktuellen Bevölkerungsverhältnisses Frankfurts zu Slubice von 3:1 bedeutet es, daß von den 3.000 zu gewinnenden Tages-Tram-Nutzern 2.250 Frankfurter und nur 750 Slubicer mit der Tram über die Odergrenze hin und her fahren würden. Das aktuelle Einkommensverhältnis zwischen Deutschland und Polen beträgt wie bereits gesagt zirka 2:1. Wenn nun jeder der 2.250 Frankfurter, die täglich nach Slubice mit der Tram fahren sollen, dort nur 10 Euro ausgeben, ergibt das eine Tagessumme von 22.500 Euro. Alle 750 Slubicer, die mit der Tram nach Frankfurt fahren sollen, würden in Frankfurt gleichzeitig aufgrund ihres geringeren Einkommens dort nur die Hälfte, also 5 Euro ausgeben. Das ergibt 750 x 5 = 3.750 Euro am Tag.
Rechnet man nun diese Tageszahlen aufs Jahr hoch, geben 821.250 Frankfurter Tram-Benutzer pro Jahr 8.212.500 Euro in Slubice aus, während 273.750 Slubicer Tram-Benutzer im Jahr nur 1.368.750 Euro in Frankfurt ausgeben. Daraus ergibt sich ein Kaufkraft-Defizit zu ungunsten von Frankfurt (Oder) von 6.843.750 Euro! In der Praxis geben Frankfurter heute wahrscheinlich noch mehr als nur 10 Euro in Slubice aus und vergrößern damit das Bilanz-Defizit noch mehr. Diese Rechnung kann sich jeder PC-Nutzer mittels einer Tabellenkalkulation selber erstellen.
Schon dieser statistische Zahlenvergleich macht deutlich, daß ein ÖPNV über die Oder nur für Slubice ökonomisch positiv ausfällt. Es ist also verständlich, warum Slubices Politiker am liebsten sofort die Straßenbahn bauen würden. Jeden Euro, den ein Frankfurter in Slubice ausgibt, kann er kein zweites Mal in Frankfurt ausgegeben. Frankfurt und Slubice stehen in einem permanenten ökonomischen Wettkampf trotz einer permanent notwendigen politischen Zusammenarbeit.
Gesund ist eine Straßenbahn nach Slubice weder für bequeme Frankfurter noch für die arme Kommune Frankfurt (Oder). Paradoxerweise ist die Bequemlichkeit vieler Frankfurter heute sogar ein gewisser Schutz für Frankfurts Händler: Je weniger bewegungsunwillige Frankfurter in Slubice ihr Geld ausgeben, umso mehr Einnahmen haben die Frankfurter Händler und Dienstleister. Davon profitiert auch die Steuerkasse der Stadt Frankfurt (Oder) und damit die ganze Kommune!
In vielen Kommunen der Bundesrepublik entstanden in den letzten Jahren Regional-Währungen, die nur deshalb geschaffen wurden, um die Kaufkraft der Bürger in den Kommunen zu halten. Nähere Informationen dazu finden Sie auf der Internetseite www.regiogeld.de. Glücklicherweise votierten im Januar 2006 nur 17% der Frankfurter Bürger für den Schildbürgerstreich, große Anteile der Frankfurter Kaufkraft mittels einer Straßenbahn permanent nach Slubice exportieren zu wollen!
Zu Ihrer Information: Meine oben genannten Argumente habe ich auch an die OB-Kandidaten Martin Wilke (SPD+CDU+FDP+BüBü+FfF) und Stefan Ludwig (Linkspartei) geschickt. Ich erhoffe mir im Laufe des Wahlkampfes von den Kandidaten konkrete Meinungen zum Thema.
Mit freundlichem Gruss Roland Totzauer (18.01.2010)
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Sehr geehrter Herr Totzauer,
vielen Dank für Ihre Mail und Meinung direkt an mich.
Als eifriger Schreiber von Leserbriefen sind Sie mir relativ gut auch mit Ihren Auffassungen bekannt. Ich schätze an Ihnen, dass Sie Sich so intensiv in kommunalpolitische Debatten einbringen.
Zur Strassenbahn nach Polen sind die Argumente, auch die, die Sie wiederum vortragen, eigentlich ausgetauscht. Deshalb will und kann ich hier und heute nicht länger darauf eingehen. Wie Sie andeuten und dies befördern, wird die Diskussion dazu im OB-Wahlkampf verstärkt geführt werden weil ja auch mein Nachfolger diese Entscheidung -so oder anders- zielführend verantworten muss. Das von mir in Auftrag gegebene Gutachten wird erst zum Ende meiner Amtszeit vorliegen, deshalb werde ich bis zu diesem Zeitpunkt nichts mehr unternehmen.
Soviel nur grundsätzlich:
Die Städte Slubice und Franfurt(Oder) dürfen wegen ihrer regionalen Lage und die in keiner Weise aufhaltbaren wechselseitigen Bewegung ihrer Einwohner nicht miteinander konkurrieren, sondern sollten sich zum gegenseitigen Vorteil nach Möglichkeit als ein Markt gegenüber Dritten verstehen und diesen entwickeln. Jeden Euro, den die Frankfurter nach Slubice tragen, müssen wir durch einladende Gesten und Angebote von den Slubicern zurückerhalten. Zum grösseren Teil funktioniert dies auch unterdessen, fragen Sie bei den Händlern, insbesondere Oderturm und Spitzkrugcenter, Kaufland und Mediamarkt nach.
Insofern gibt es die von Ihnen angeführte "Binnenwährung" durch diesen Waren - und Dienstleistungstausch zu unserem Vorteil schon. Allein die Zahl möglicher Fahrgäste aus Slubice und nach Slubice wird auch den Preis Ihres Tickets zukünftig stabilisieren helfen (soweit sie den SVF nutzen), wie sollte das bei weiter zurückgehender Bevölkerung besser geschehen?
Freundliche Grüsse Martin Patzelt (18.01.2010)
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Sehr geehrter Herr Patzelt,
Ihre Antwort ist erschreckend naiv und von Wunschdenken geprägt. Auch wenn Sie es subjektiv nicht wahrhaben wollen, gab und gibt es einen objektiven Wettbewerb zwischen Slubice und Frankfurt. Auf welcher Basis sollten die beiden Städte sich einerseits "nach Möglichkeit als ein Markt gegenüber Dritten verstehen", wenn sie andererseits untereinander nicht auf diesem "Markt" konkurrieren dürfen? Allein schon die Verwendung des Wortes "dürfen" zeigt: Ihr ideologisch eindimensionales Denken ist das eigentliche Problem. Sie sind ein Teil von jener Kraft, die zwar das Gute will und doch das Böse schafft.
Ich hoffe, Ihr Nachfolger ist ein ernstzunehmender Realpolitiker, der die Frankfurter Interessen mit gesundem kommunalem Patriotismus vertritt und der keine Angst vor einer VERKLEINERUNG der Stadtverkehrsgesellschaft hat. ... Mit freundlichem Gruss Roland Totzauer (13.02.2010)
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